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Pflegemarktforschung

Deutscher Pflegemarkt 2018: Die Stimmung im Pflegemarkt wird noch kälter

Am 16.1.2019 wurden die mit Spannung erwarteten Ergebnisse des Psyma CARE Klima-Index 2018 in den Räumen der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt. „Die Stimmung in der Pflegebranche ist im Vergleich zum Vorjahr weiter abgekühlt.“ Diese Schlussfolgerung zieht Stephanie Hollaus, Projektverantwortliche des CARE Klima-Index Deutschland beim Befragungsinstitut Psyma Health & CARE GmbH. Für 2018 beträgt der Psyma CARE Klima-Index 95,3. Damit ist das Klima im Vergleich zum Basisjahr 2017 um -4,7 Punkte abgekühlt.

Das schlechtere CARE Klima in 2018 wird hauptsächlich geprägt von pflegenden Angehörigen, Ärzten, Kostenträgern und Pflegefachpersonen. Pflegefachpersonen und Kostenträger bilden die größten „STIMMUNGSPOLE“: während sich bei den Pflegefachkräften ein eisiges Klima von -22,2 (Index 77,8) eingestellt hat, liegt der Werte für die Kostenträger mit -0,5 nahezu unverändert auf dem Vorjahreswert.

Zudem zeigen sich regionale Unterschiede: das CARE Klima im Westen ist etwas kälter als im Osten, der Süden kälter als der Norden. Auffällig schlecht ist die Stimmung vor allem in den drei Themenbereichen „Innovation“, „Qualität in der Pflege und Personalsituation“ sowie „Wirtschaftliche Situation und Finanzierung“.

Schwierige Arbeitsbedingungen

Ursache könnte das Image des Berufes durch die schwierigen Arbeitsbedingungen sein, vermutet Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats e. V.: „Die schon chronisch hohe Arbeitsbelastung prägt die Stimmung der Berufsgruppe und immer mehr Menschen erfahren die Probleme hautnah.“ So entstehe auch der damit verbundene allgemeine Eindruck von der Versorgungsqualität. Denn während die Pflegeversorgung 2017 von 24 % der Befragten als qualitativ mangelhaft eingeschätzt wurde, sind es 2018 bereits 29 %. „Insgesamt sind bei den Pflegefachpersonen vor Ort bisher keine positiven Veränderungen im realen Arbeitsalltag zu spüren“, schlussfolgert Franz Wagner.

Kernergebnisse des zweiten CARE Klima-Index im Folgejahr 2018

  • Wahrgenommener Stellenwert des Pflegeberufs sinkt weiter: im Vergleich zum Vorjahr wird der Stellenwert der Pflege in allen 3 Sektoren (ambulant, stationär, Klinik) nochmals um 10%-Punkte geringwertiger in der Gegenüberstellung mit anderen Berufsgruppen eingeschätzt. Dieser Wert resultiert vor allem aus einer deutlich negativeren Wahrnehmung von Seiten der Angehörigen und Patienten, aber auch der Ärzte.
  • Wahrgenommener Stellenwert von Pflege in der Politik sinkt ebenfalls: im Vergleich zum Vorjahr wird der Stellenwert des Themas Pflege bei Politikern von etwas mehr Be-fragten (+5%) als niedriger eingestuft. Insgesamt geben 74% an, dass sie den Stellenwert als niedriger einschätzen würden (2017: 69%). Die Pflege äußert sich – im Vergleich zu den restlichen Befragten – auf einem weiterhin negativen Spitzenniveau mit 85% (2017: 89%). Auch die Ärzte geben hier im Vergleich zum Vorjahr ein deutlich schlechteres Urteil ab: Waren es 2017 noch 49%, die den Stellenwert von Pflege in der Politik als „niedriger“ erachten, so sind es in 2018 bereits 60%.
  • Qualität der Pflegeversorgung wird weiterhin als mittelmäßig empfunden: Wie im Vorjahr landet die Qualität der Pflegeversorgung aus mehrheitlicher Sicht der Befragten im Mittelfeld.
  • Zukünftige Qualitätssicherung der Pflegeversorgung wird angezweifelt: wie bereits in 2017 glauben 42% der Befragten daran, dass die Pflegeversorgung zukünftig nur teilweise sichergestellt werden kann. 46% geben in 2018 hierzu ein klares „Nein“ an (2017: 42%). Kostenträger schauen im Vergleich zum Vorjahr düsterer in die Pflegezukunft. Während 2017 nur 17% ein „Nein“ angaben, verneinen in 2018 immerhin 30%.
  • Auch die Patientensicherheit ruft Skepsis hervor: die Hälfte aller Befragten beurteilt die Patientensicherheit in allen 3 Sektoren der Pflege (ambulant, stationär, Klinik) nur als „teilweise gewährleistet“. Mehr Personen geben im Vergleich zum Vorjahr für die ambulante Pflege eine niedrige Patientensicherheit an. Dieses Resultat ist vor allem auf eine negativere Beurteilung innerhalb der Zielgruppe „Pflege“ zurückzuführen (2017: 28% niedriger; 2018: 36% niedriger), aber auch die Ärzte schenken der ambulanten Pflege weniger Vertrauen als im Vorjahr (2017: 14% niedriger; 2018: 22% niedriger).
  • Arbeitsbedingungen werden im Jahresvergleich als noch schlechter empfunden: Insgesamt wächst der „schlechte“ Wert für die Arbeitsbedingungen der Pflegefachpersonen um fast 10% (2017:51% und 2018: 60%). Pflegefachkräfte antworten relativ gleichbleibend mit 57% „Schlecht“ (2017: 52%). Die akademisierte Pflege gibt im Jahresvergleich weniger häufig eine schlechte Beurteilung für ihre Arbeitsbedingungen: 2017 78% „Schlecht“ und 2018 59% „schlecht“. Angehörige leiden sozusagen mit den Pflegekräften – sie geben im Wellenvergleich mit 68% noch einmal wesentlich häufiger die Beurteilung „schlecht“ ab (2017: 38%) – ein Plus von 30%. Auch bei den Ärzten zeigt sich ein Plus von 16% für „Schlecht“, bei Apothekern +27%, bei Kostenträgern +10% und auch bei Patienten +14%.
  • Personalsituation: 77% der Pflegefachkräfte und 89% der akademisierten Pflege/Management geben zudem auf die Frage, ob die personelle Ausstattung den gegenwärtigen Anforderungen gerecht wird, ein klares Nein an. 76% aller Befragten glauben nicht, dass der Bedarf in den kommenden 10 Jahren gedeckt werden kann: während diese negative Äußerung innerhalb der Pflege mit 87% vorherrscht, sehen das die Kostenträger, aber auch die Pflegebedürftigen selbst auffallend positiver: 54-58% geben ein Nein und immerhin 15% votieren hier mit einem klaren „Ja“.
  • Überleitungsmanagement schwankt in der Wahrnehmung zwischen mittelmäßig bis problematisch: die Versorgung an den Schnittstellen zwischen akut-stationär und Langzeitversorgung von Pflegebedürftigen wird im Jahresvergleich von fast allen Zielgruppen deutlich schlechter bewertet – Kostenträger sind wesentlich kritischer (75% „problematisch“) als alle anderen Befragten (44% „problematisch“).
  • Wahrgenommene Beratungsqualität zur pflegerischen Versorgung birgt Selbstüberschätzung: Im Gesamtvergleich aller Gruppen erhält die Pflege mit 40% am häufigsten die Bewertung „gut“, wenn es um die Beratungsqualität zur pflegerischen Versorgung in Deutschland geht. Deren Selbsteinschätzung ist mit 42% nahezu identisch zur Gesamtwahrnehmung. Apotheker, Hausärzte, aber auch Kostenträger neigen zur Selbstüberschätzung, was deren Beratungsqualität angeht – die breite Masse bewertet sie weit weniger gut.
  • Hohe persönliche Einschränkungen durch häusliche Pflegesituation: alle Befragten, die im privaten Umfeld selbst einen Angehörigen pflegen – von der Pflegekraft bis hin zum Facharzt – erleben persönlich zum Teil sehr hohe Einschränkungen in mentaler, wirtschaftlicher, beruflicher und familiärer Hinsicht.
  • Positive Resonanz zur Ausweitung der Pflegeversicherung: 86% stimmen für eine Ausweitung der Leistungen zur Pflegeversicherung. 77% wären bereit, dafür einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung zu bezahlen

Regierungsvertreter zeigt sich erstaunt

Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär und Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung zeigt sich erstaunt über die mehrheitlich kritischen Ergebnisse, stehe doch die Pflege ganz oben auf der politischen Agenda. Fachkräftegewinnung und eine langfristige Berufsbindung blieben aber zentrale Themen, die im Pflegealltag spürbare Verbesserungen erreichen müssten. Zudem brauche es eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Pflege, um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen: „Eines meiner großen Ziele ist es deshalb, die Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen neu zu verteilen. Die Gesundheitsversorgung der Zukunft werden nicht spezialisierte Einzelkämpfer bewältigen können, sondern interprofessionelle Teams, die es verstehen, über Versorgungs- und Professionsgrenzen hinweg zu arbeiten. Nur so werden wir erreichen, dass die Pflege in Zukunft in der Gesellschaft als das wahrgenommen wird, was sie ist – ein verantwortungsvoller und hochprofessioneller Beruf auf Augenhöhe mit den anderen Gesundheitsberufen“, so Andreas Westerfellhaus.

Zum Psyma CARE Klima-Index

Der Psyma CARE Klima-Index ist innerhalb der auf Marktforschung für den Pflegesektor spezialisierten Unit (Psyma Health & CARE) des unabhängigen Befragungsinstituts Psyma in Kooperation mit dem Veranstalter des Deutschen Pflegetags konzipiert und realisiert worden, um für den seit 2005 jährlich um knapp 5 Prozent wachsenden Pflegemarkt eine ähnliche empirische Basis zu liefern, wie es sie in anderen Wirtschaftssektoren bereits seit Jahrzehnten gibt.
Der Psyma CARE Klima-Index bildet nicht nur die singuläre Stimmung der Pflegefachpersonen ab, sondern ist ein ganzheitlicher Stimmungsindikator für den Wachstumsmarkt Pflege. Er spiegelt die gefühlte Stimmung der professionell Pflegenden wider, sowie die der Pflegebedürftigen und aller relevanten Akteure, die mit ihrem spezifischen Beitrag Pflege erst er-möglichen: Ärzte, Apotheker, Kommunen, Kostenträger und Verbände – aber auch Unter-nehmen als Produktanbieter und Arbeitgeber.
Nachdem Stimmungen Vorboten des Handelns sind, ist es sehr wichtig festzustellen, ob diese Stimmungen negativ oder positiv besetzt sind. Nach der Erhebung im Basisjahr 2017, der eigentlichen Nullmessung, liegen mit den Ergebnissen aus 2018 Vergleichswerte zu allen Antworten vor, woraus erstmalig Indexwerte errechnet werden konnten.

Psyma Health & CARE

Psyma, das größte inhabergeführte Befragungsinstitut in Deutschland, ist exklusiver Marktforschungspartner des Deutschen Pflegetags in Berlin.
In dieser Kooperation veröffentlichen wir seit Januar 2018 jährlich den Psyma CARE Klima-Index – deutschlandweit der erste ganzheitliche Stimmungsindikator im Wachstumsmarkt Pflege. 2018 wurden N=2.226 Repräsentanten des deutschen Pflegemarkts befragt: Professionell Pflegende, Pflegende Angehörige, langfristig Pflegebedürftige, Haus- und Fachärzte, Apotheker, Kostenträger, Wirtschaftsunternehmen (Health & Non-Health), Verbände und Kommunen. Im Mittelpunkt der Online-Umfrage standen die Themen „Qualität in der Pflege & Personalsituation“, „Öffentliche Wahrnehmung & aktuelle Rahmenbedingungen“, „Innovationen“, „Versorgungslandschaft“ und „Wirtschaftliche Situation & Finanzierung“.

Hier kann der Bericht zum Psyma CARE Klima-Index 2018 angefordert werden >>>